Dekanat Rüsselsheim

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        Gottesdienst von Frauen in der Ev. Kirche Trebur

        Die Geschichte der Wibrandis Rosenblatt

        Heidi Förster

        Sie war eine mutige, gebildete und starke Frau. Wibrandis Rosenblatt (1504 bis 1564) war viermal verheiratet. Drei ihrer Ehemänner sind in die Kirchen- und Weltgeschichte als bedeutende Vertreter der Reformation eingegangen. Sie führte deren Hauswirtschaft, empfing Gäste, beherbergte Glaubensflüchtlinge und nahm regen Anteil an den Auseinandersetzungen und Debatten ihrer Zeit. Doch ihre Gedanken sind kaum überliefert, zum Schreiben hatte sie keine Zeit. In einem bewegenden Gottesdienst, der von Frauen aus dem Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim am 20. August um 18.00 Uhr in der Ev. Laurentiuskirche in Trebur gestaltet wurde, wurde ihre Geschichte lebendig.

        „Ich hatte das Glück, eine gebildete Frau zu sein und wurde ermutigt, mich an den Gespräch zu beteiligen. Aufgeschrieben hat es niemand…Ich habe getan, was mir möglich war; und ich war bei aller Arbeit und Mühe, aller Angst und Sorge auch, doch- glücklich.“ Dies sagte Pfarrerin Monika Lüdemann, im Kostüm und der Rolle der damaligen Pfarrfrau Wibrandis Rosenblatt. Die Stationen ihres von Schicksalsschlägen geprägten Lebens wurde  von Frauen der Ev. Laienspielgruppe in Szene gesetzt.  Als junge Witwe heiratete Wibrandis Rosenblatt den zwanzig Jahre älteren Reformator Johannes Oekolampad. Der war ein berühmter Prediger und Gelehrter, und so gaben sich im Baseler Pfarrhaus die bedeutenden Reformatoren der Zeit die Klinke in die Hand: Matthäus Zell, Martin Bucer, Wolfgang Capito. Die Pfarrfrau fand ganz offenbar Gefallen an ihrer Rolle und an diesen Männern und ihren Ideen. Als nämlich Oekolampad starb, heiratete sie schon bald darauf Wolfgang Capito und zog mit ihm nach Straßburg, wo er Prediger war. Doch die 1541 wütende Pest raubte ihr nicht nur drei ihrer fünf Kinder, sondern auch erneut den Ehemann. Ein Jahr später heiratete sie schließlich den dritten und berühmtesten ihrer Reformatoren-Ehemänner, nämlich Martin Bucer. Mit ihm bekam Rosenblatt auch erstmals die Verfolgung wegen ihres Glaubens zu spüren: Als die Evangelischen im Religionskrieg von 1546/47 unterlagen, musste Bucer als einer der führenden reformatorischen Theologen ins Exil nach England fliehen, wohin ihm Wibrandis Rosenblatt bald folgte. Zwei Jahre später starb auch Bucer und sie kehrte, im Alter von 46 Jahren zum vierten Mal Witwe geworden, in ihre Heimatstadt Basel zurück. Sie wurde dort im Kreuzgang des Münsters beigesetzt.

        Die Rolle der Frauen von der Reformation bis heute skizzierte anschließend Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers in ihrer Predigt.  „Bei uns gibt es Dekaninnen, drei Pröpstinnen und sogar eine stellvertretende Kirchenpräsidentin. Aber es ist gar nicht so lange her, dass mit Elisabeth Haseloff die erste evangelische Pfarrerin in Deutschland öffentlich ordiniert wurde – das war 1958“, so Schneider-Oelkers.  Und doch gäbe es auch heute immer mal wieder Stimmen, Frauen hätten auf der Kanzel nichts verloren. Der heute in München lehrende evangelische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf habe sogar Nachwuchstheologinnen als „Mutti-Typen“ und als für den Pfarrberuf ungeeignet bezeichnet. Aus der Lutherbibel  zitiert sie eine Stelle, in der die Apostelin Junia  unterschlagen und als als Mann Junias in die Geschichte einging. Im 1. Korintherbiref von Paulus ist überliefert, dass Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen sollten. Neutestamentliche Theologinnen und Theologen hätten aber inzwischen herausgefunden, dass dieser Vers, der in verschiedenen Handschriften des Neuen Testaments an unterschiedlichen Stellen stünde, erst später eingefügt worden sei.

        Dies, so die engagierte Bauschheimer Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers, sei ein Stachel im Fleisch, eine Provokation. Statt die Bibel, deren Texte aus einer Zeit von Sklaverei und Polygamie stammen, wörtlich zu nehmen, gelte es, die Mitte und den Sinn der Bibel zu erkennen. Den tieferen Sinn der Botschaft Jesu bringe Johannes auf den Punkt: „Gott ist Liebe“. Gottes Liebe kenne keine Diskriminierung  von Frauen oder Andersgläubigen, so wie es im 3. Kapitel des Galaterbriefes steht: „Alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.“
        Heute verdanken wir das evangelische Leben im Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim vielen engagierten ehrenamtlichen Frauen, die sich als Kirchenvorsteherinnen, in der Frauenarbeit und landesweit engagieren. Heidemarie Arras und Rita Wolff wurden von Dekanin Birgit Schlegel in ihren Dienst als Lektorinnen eingeführt. Heidemarie Ludolf und Elke Ströher wurden für ihr langjähriges Wirken als Delegierte im Landesverband der Ev. Frauen in Hessen und Nassau von der Bildungsbeauftragten Johanna Becker vom Dekanat mit einer Dankurkunde aus ihrem Dienst verabschiedet.
        Der Gottesdienst wurde von den Lektorinnen Gisela Kögler, Barbara Stein und Christa Schmitt mit gestaltet. In der Laienspielgruppe wirkten Käthe Breideband, Monika Reinheimer, Claudia Zorbach-Lammert, Nicole Volkmann und Renate Leppla mit.

        Im Anschluss an den bewegenden Gottesdienst, der von Andrea Erdmann an der Orgel begleitet wurde, gab es bei einem kleinen Umtrunk noch Gelegenheit zu einem regen Austausch.   

          

        Heidi Förster
        Öffentlichkeitsarbeit

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