Dekanat Rüsselsheim

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        Ehe für alle

        Ehe für alle: Ende Juni hat der Bundestag beschlossen, dass künftig auch homosexuelle Paare ein Recht auf eine Eheschließung haben. Bereits 2001 wurde das in den Niederlanden beschlossen, in Europa folgten 13 weitere Staaten, weltweit 20 Staaten...

        Widerstand gab es von der Mehrheit der CDU/CSU. Sicherlich haben viele Abgeordnete, welche sich gegen eine Ehe für gleichgeschlechtliche Paare aussprachen, dies aus ihrer Haltung heraus getan, die sich „wertekonservativ“ nennen lässt. Etwa wie die evangelische Frau Merkel, die sagte, für sie sei eine Ehe die Ehe von Mann und Frau. Viele Abgeordnete dieser Fraktion jedoch beriefen sich in ihrer Argumentation auf „christliche Werte“. Dies wiederum führte dazu, dass da und dort (wieder einmal) der Ruf laut wurde, die Kirche soll sich aus der Politik heraus halten. Das Ergebnis der Abstimmung wird folgerichtig von manchen auch als „Niederlage der Kirche“ auf diesem Gebiet gewertet. Die neuesten Statistiken scheinen dies nochmals zu unterstreichen: obwohl in Deutschland die Anzahl der auf dem Standesamt geschlossenen Ehen seit 2013 leicht steigt, nehmen die kirchlichen Trauungen laut Angaben der katholischen wie der evangelischen Kirche in Deutschland ab. Eine „christliche Ehe“ scheint immer weniger interessant zu sein.

        Was aber ist eine „christliche Ehe“? – Wer sich mit dieser Frage ernsthaft beschäftigt, muss feststellen, dass es da zu unterscheiden gilt. Vor allem darüber, was eine Ehe ist, sind die Meinungen in den verschiedenen Kirchen verschieden.

        Nach katholischer Lehre ist der Sinn und Zweck einer Ehe die Zeugung von Kindern. Da dies in einer homosexuellen Verbindung ausgeschlossen ist, kann es von diesem Standpunkt aus auch keine Ehe zwischen homosexuellen Menschen geben.

        Martin Luther dagegen vertrat den Standpunkt, dass es gar keine „christliche“ Ehe gibt. Die Ehe ist vielmehr ein „weltlich Ding“, denn die Ehe gab es bereits vor dem Christentum und es gibt sie außerhalb des Christentums. Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe „Selbstzweck“. Sinn und Zweck einer Ehe ist demnach schlicht das „Zusammensein“ von zwei Menschen. Wäre die unabdingbare Grundlage einer Ehe, Kinder zu zeugen, wären alle Ehen, aus denen keine Kinder hervorgehen und alle Ehen zwischen älteren Menschen nichtig. Ist aber die Gemeinschaft des Paares selbst der Sinn der Ehe, dann ist die Ehe zwischen homosexuellen Menschen konsequent. Ich selbst habe homosexuelle Partnerschaften von einer Qualität wahrnehmen dürfen, wie sich so manche heterosexuelle Eheleute davon eine Scheibe abschneiden könnten. Die „christliche“ Qualität einer Ehe hängt nicht ab vom Geschlecht der Partner. Die „christliche“ Qualität einer Ehe hängt vielmehr ab vom Ausmaß der Treue und Verlässlichkeit, der Achtung und des Respekts voreinander und der Fähigkeit der Übernahme von Verantwortung füreinander, das sich von Gottes Liebe getragen und gestärkt weiß.

        Für die orthodoxe Kirche ist eine Ehe zwischen homosexuellen Menschen ohnehin undenkbar, weil sie Homosexualität in der Regel auf schärfste ablehnt. In Russland z.B. werden homosexuelle Menschen verfolgt. Bei der Frage nach einer „christlichen Ehe“ ist also grundsätzlich zu unterscheiden zwischen dem Verständnis der verschiedenen Kirchen. Denn bei aller Verbundenheit der Kirchen, welche sie nach außen bisweilen als „eins“ sehen lassen, gibt es Unterschiede, die sich gerade auch an diesem Punkt des Eheverständnisses zeigen.

        Aber auch die evangelische Kirche vertritt – wie fast immer – nicht einen durchgehend einheitlichen Standpunkt. Auch in der evangelischen Kirche gibt es (eher einzelne) Stimmen, die eine Ehe zwischen homosexuellen Menschen gar als vom Teufel ver- oder geführt ansehen. Und es gibt Landeskirchen, die sich mit dem Thema Homosexualität sehr schwer tun. Ich bin heilfroh in einer Landeskirche – unserer Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau - zu leben und zu arbeiten, welche homosexuellen Pfarrerinnen und Pfarrern keine Steine in den Weg legt. Ich hatte jahrelang einen homosexuellen Dekan und war froh, ihn als Vorgesetzten haben zu dürfen. Unsere vorherige stellvertretende Kirchenpräsidentin war lesbisch und hat deswegen keineswegs schlechtere Arbeit verrichtet. Und unsere Landeskirche hat - als zweite in Deutschland, nach der Pfälzischen – ab 2002 die Segnung homosexueller Paare ermöglicht. Nun, nachdem auf staatlicher Ebene die eingetragenen Partnerschaften homosexueller Menschen zu dem gemacht werden, was sie von den Betroffenen gefühlt ohnehin sind, nämlich Ehen, ist es überfällig, auch in unserer Kirche diese Änderung mit zu vollziehen und nicht mehr die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares in die Kirchenbücher einzutragen, sondern die Trauung.

        Die Vorstellung darüber, was eine Ehe und was eine christliche Ehe ist, unterliegen dem Wandel. Wer bereit ist, sich eingehender damit zu beschäftigen, was das ist, wird möglicherweise auf Standpunkte treffen, die nicht nur interessant sind, sondern auch einen Anreiz für eine kirchliche Trauung bieten. Die Neugier zum immer wieder genauen Hinsehen wünsche ich Ihnen und mir –

        Ihr Wilfried Ritz, Pfarrer in Ginsheim

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