Dekanat Rüsselsheim

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        Männergesprächskreis

        Zensur kontra Kunst?

        Foto: OTFW_GNU Free Documentation License

        Männer denken und betrachten anders als Frauen! Dieses Fazit könnte als Ergebnis des Treffens des evangelischen Männergesprächskreises am 22. Februar 2018 stehen - und damit sicher wieder Diskussionen auslösen.

        Zum Thema "avenidas - Kunst & Lyrik versus Zensur und Seximus" hatte Jörg Wilhelm, Gemeindepädagoge des Dekanats eingeladen und dazu im ersten Teil der Diskussion neben dem umstrittenen Gedicht von Eugen Gomringer auch das Hohelied Salomos aus dem ersten Testament der Bibel behandelt.

        Jörg Wilhelm referierte dazu über die weiterhin laufende #MeToo-Debatte und deren Ursprünge bis hin ins Jahr 2006, wo farbige US-Aktivistinnen diesen Hashtag verwendeten. Aufgegriffen wurde die Aktion dann wieder prominent im Oktober 2017 durch die Schauspielerin Alyssa Milano, anlässlich der Reaktionen auf sexuelle Missbrauchsvorwürfe durch den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein. Seitdem verbreitet sich #MeToo weltweit, unterstützt von zahlreichen prominenten Frauen und Männern, aber auch durch unzählige weitere Personen, die ihre Solidarität bekunden oder eigene Erfahrungen posten. Im Rahmen dessen werden zudem immer wieder neue Namen von prominenten Männern genannt, denen ebenfalls Missbrauch vorgeworfen wird.

        #MeToo ist gleichwohl nicht unumstritten, denn genannte Personen gelten automatisch als schuldig. Zudem gibt es Kritik daran, dass viele der genannten Opfer früher geschwiegen haben, statt Missbrauch und Strafttaten gleich zu thematisieren. Außerdem wird kritisiert, dass das Frauenbild bei MeToo scheinbar sehr passiv ist bis hin zu Kampagnen, die einen fast schon puritanischen Umgang mit Sexualität, Frauen- und Männerbildern fordern - und auch nicht selten umsetzen, wie Beispiele zeigen.

        Die Diskussion um das Gedicht von Eugen Gomringer ist dafür ein Beispiel aus Deutschland. Seit 2011 prangte das Gedicht in spanischer Sprache auf einer Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. 2017 entwickelte sich eine heftige, feministisch konnotierte Auseinandersetzung um eine angeblich sexistische Wortwahl, um patriarchale Strukturen, die das Gedicht abbilden würde und um den Vorwurf, dieses Gedicht wäre eine gute Begründung für den alltäglichen Missbrauch an Frauen. Kern der Auseinandersetzung ist das letzte Wort des Gedichts "ein Bewunderer", als ein Mann, der die Schönheit von Alleen und Blumen bewundert und diese Schönheit auch bei Frauen sieht.

        Frauen - aber auch Männer - mit Natur, mit Blumen, mit Tieren und Eigenschaften zu vergleichen, ist jedoch eine tausende Jahre alte Tradition, die sich so oft in der Bibel findet, vermutlich am deutlichsten im Hohelied Salomos, einer Sammlung von Texten im ersten Testament. Es sind Preisungen zweier Liebender, die sich gegenseitig Komplimente machen und dabei mit Anspielungen und Vergleichen nicht geizen.

        Die Teilnehmer des Gesprächskreise stellten in der Diskussion jedenfalls weitgehend einhellig fest, dass Komplimente dieser Art nicht als Sexismus diffamiert werden sollten, zumal diesen Vorwurf auch sehr viele Frauen nicht teilen können.

        Im zweiten Teil der Diskussion ging es um die MeToo-Auswirkungen auf die Kunst im Allgemeinen und auf Filme und Bilder im besonderen. Anlass dafür ist unter anderem die Zensur der Filme und Serien, in denen der Schauspieler Kevin Spacey mitspielt oder die Filme und Serien von Dieter Wedel. In beiden Fällen werden Produkte nicht mehr gezeigt um damit das Signal zu geben, Missbrauch nicht zu unterstützen, was jedoch all den Menschen, die bei einem Film auf die eine oder andere Weise mitwirken, definitiv nicht gerecht wird. Hier gilt es, zwischen Kunst und Künstler zu trennen. Zum anderen führt die Debatte dazu, dass zunehmend Bilder in Museen, Galerien und Ausstellungen abgehängt oder verhängt werden weil sie angebliche sexistische Rollenbilder vermitteln und Frauen als Opfer darstellen. Exemplarisch zu nennen ist dabei "Hylas und die Nymphen" von Waterhouse, einem britischen Maler aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Bild wurde in Manchester abgehängt, wegen der angeblich lasziven Darstellung der Frauen (mittlerweile hängt es wieder). Anderen Bildern droht ein ähnliches Schicksal, darunter Gemälde von Rubens, Balthus, Ricci oder Corbet.

        Inwieweit diese Debatten zu einer tatsächlichen Zensur führen, wird die Zukunft zeigen; die Befürchtungen bestehen durchaus. Ziel kann aber nicht eine Zensur sein, sondern der kritische Blick auf Kunstwerke, für den diese aber dann tatsächlich auch zugänglich sein müssen. Außerdem wird in der Diskussion des Männergesprächskreises auf den Paragraphen 5 des Grundgesetzes verwiesen, der ausdrücklich die Freiheit der Kunst benennt.

        Jörg Wilhelm

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