Religion braucht Demokratie

veröffentlicht 25.09.2026 von Heidi Förster, Ev. Dekanat Groß-Gerau - Rüsselsheim

Was können Religionen zur Demokratie beitragen? Dieser Frage widmete sich ein interreligiöses Gespräch am 23. September 2026 im Ev. Gemeindehaus der Groß-Gerauer Stadtkirchengemeinde mit Perspektiven aus Judentum, Islam und Christentum. Im Mittelpunkt standen Menschenwürde, Freiheit, Mitbestimmung und die gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft.

Petra Kunik von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt schlug den Bogen von der jüdischen Tradition zum demokratischen Grundverständnis. Die Würde des Menschen finde bereits in der Schöpfungsgeschichte ihre Grundlage: Der Mensch sei als Ebenbild Gottes geschaffen. Auch die sieben noachidischen Gebote und die Zehn Gebote formulierten grundlegende Prinzipien von Recht, Gerechtigkeit und Verantwortung. Besonders deutlich werde dies in der Geschichte Abrahams, der selbst gegenüber Gott für Gerechtigkeit eintritt. Auch die Exodusgeschichte sei eine Geschichte der Befreiung und ein Gegenentwurf zu Unterdrückung und Willkür. Demokratie bedeute deshalb auch, Verantwortung zu übernehmen und für eine gerechtere Welt einzustehen.
Jasmina Makarevic vom Bosnischen Kulturzentrum Frankfurt stellte die Menschenwürde ebenfalls ins Zentrum. Im Islam gelte sie unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder sozialem Status. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt zur Demokratie sei zudem das Prinzip der Schura, der Beratung und Beteiligung der Gemeinschaft. Auch Vielfalt werde im Islam als Möglichkeit verstanden, voneinander zu lernen. Religionsfreiheit sei dabei eine wesentliche Voraussetzung: Glaube könne nur frei und authentisch gelebt werden, wenn Menschen ebenso die Freiheit hätten, keinen Glauben zu haben. Religion könne Demokratie dabei nicht ersetzen, sondern ethisch begleiten, so Makarevic. Sie könne an Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Solidarität und Verantwortung erinnern und zugleich daran, dass politische Macht begrenzt und kontrolliert werden müsse.
Auch die christliche Perspektive verbindet Demokratie unmittelbar mit der Menschenwürde. Dies habe die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), so Wolfgang Prawitz, Pfarrer für Ökumene im Ev. Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim, 2026 in ihrer „Resolution für Menschenwürde und Demokratie“ bekräftigt. Menschenwürde, Nächstenliebe, Vielfalt und Menschenrechte werden darin als zentrale Orientierung für demokratisches Zusammenleben hervorgehoben.
Damit zeigen die drei Perspektiven trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Begründungen gemeinsame Berührungspunkte: Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung und die Begrenzung von Macht.
Der interreligiöse Gesprächsabend machte deutlich: Demokratie lebt nicht allein von Verfassungen und Institutionen. Sie lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, andere respektieren und sich für das Gemeinwohl einsetzen. Religion braucht Demokratie – und Demokratie braucht Menschen, die für ihre Werte einstehen.